Zufußgehende

Als Beitrag zur Avenidas-Debatte bringt Der Freitag eine Gedichtserie an Fassaden, darunter auch das Gedicht Zufußgehende, das – thematisch ein wenig utopistisch – versucht, geschlechtergerechte Sprache zu reflektieren.

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Alternativlos: Flüchtling

Eine Sondernummer der österreichischen Literaturzeischrift Triëdere beschäftingt sich mit dem Sprechen über Flüchtlinge. „Menschen sind auf der Flucht. Das öffentliche Sprechen über Vertriebene, Geflohene oder Flüchtlinge erfährt in den vergangenen Monaten der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ eine immer deutlichere abwertende Färbung: In der medialen Berichterstattung und dem politischen Diskurs werden wie selbstverständlich Metaphern bedient, die sich an Naturkatastrophen (Wellen, Ströme, …) oder militärischen Freund-Feind-Schemata (‚Festung Europa‘) orientieren. Diese Bilder sind dabei alles andere als harmlos: vielmehr wirken sie mit an der affektgeladenen Konstruktion einer Wirklichkeit, in der irrationale, doch vermeintlich ‚berechtigte‘ Ängste schwerer wiegen als Menschenrechte und Solidarität“, schreiben die Herausgeber. Mehr als 30 Beiträge hat die Sondernummer, zu der Herr K. die Gedichte am zaun von melilla (aus dem Band innere sicherheit von 2006) und Zunächst unklar steht vor der Tür beigesteuert hat. Letzterer Text ist extra für Triëdere entstanden und benutzt Begriffe der Floskelwolke, einem medien- und sprachkritischen Webprojekt, das täglich Phrasen in den deutschsprachigen Nachrichten analysiert. Der Erlös aus dem Verkauf wird übrigens zur Unterstützung von ehrenamtlichen Deutschkursen verwendet.

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Dier Sexarbeitende: alternative Pronomen des Deutschen

Die Münchner Comiczeichnerin Anna Heger denkt in ihrem Blog über alternative, geschlechtsneutrale Pronomen des Deutschen nach, wie es sie bereits im Englischen oder Schwedischen gibt. Grundsätzlich schlägt sie xier (statt er/sie), dier (statt der/die) und xies (statt ihr/sein) vor. Seit einigen Jahren benutzt sie in ihren eigenen Comics diese Pronomen. Ich finde den Ansatz deshalb spannend, weil es ja darum geht, einen nützlichen Begriff zu kreieren, der das Sprechen über bestimmte Sachverhalte erleichtert (auch wenn es auf den ersten Blick kompliziert erscheint) und dabei produktiv ist.

Um diese Pronomen anzuwenden und auf ihre Produktivität hin zu überprüfen, habe ich einmal das rustikale Gedicht Die Dirne des expressionistischen Lyrikers Paul Boldt (1885-1921) in eine ‚zeitgemäße‘ Version übertragen, die unter der Verwendung von Hegers Pronomen – wie ich finde – auch an Facetten, Mehrdeutigkeiten und schließlich an Offenheit gewinnt. Die Pronomen sind hier also ausgetauscht, der letzte Vers ist (nicht nur) wegen des Reims ersetzt.

 

Dier Sexarbeitende (Dier Shemale)

 

Die Zähne standen unbeteiligt, kühl

Gleich Fischen an den heißen Sommertagen.

Xier hatte sie in xies Gesicht geschlagen

Und trank es – trank – entschlossen dies Gefühl

 

In sich zu halten, denn xier ward ein wenig

Wie früher Mädchen und erlitt Verführung;

Xier aber spürte bloß Berührung,

Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig.

 

Und sollte glauben an xies Offenbaren,

Und sah, wie xier dann dastand – spiegelnackt –

Das Falsche, das Frisierte an den Haaren;

 

Und unwillig auf xiesen schlechten Akt

Schlug xier das Licht aus, legte sich zu xiem,

Wurde träge, schläfrig, schlafend intim.

 

 

(Bearbeitung: A. K.)

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(Internationaler Tag der) Muttersprache

Wilhelmine und August Bogdanski – die ermländischen Großeltern von Moritz aus dem Roman Wodka und Oliven – sprechen zuhause (als letzte aktive Sprecher) ihren Dialekt, den man Breslausch nennt. Wie sich das eigentlich anhört, kann man in diesem kurzen Tonbeispiel nachhören: De diesterschte Zeit.

Oberländisch_Breslausch